MenuSuche
27.09.2019

LANDHOCKEY | MILO HEUBERGER: SANFTER BLICK – EISERNER WILLE

Vor bald zwei Jahren verlor der heute 13-jährige Milo Heuberger bei einem schweren Unfall seinen rechten Arm. Milo, der ein Jahr vorher mit Landhockey begonnen hatte, verkraftete diesen Schicksalsschlag dank enormer mentaler Stärke und einem eisernen Willen. Er steht heute mit seinen Kollegen der GC U15-Mannschaft wieder auf dem Spielfeld.

Milo Heuberger versuchte sich vor Jahren beim Fussball, fand aber keinen Gefallen daran. Durch seinen Freund Viktor kam er dann zum Landhockey. Bereits die ersten Gehversuche auf dem Hardhof bei den U12 Junioren des Grasshopper Club Zürich machten ihm Spass und seither wurde Landhockey zu seiner Lieblingssportart. Daran änderte auch der schwere Unfall nichts. „Bereits wenige Tage, nachdem Milo aus dem Koma erwachte, stellte er unmissverständlich klar, dass er nicht nur sofort wieder in die Schule wolle, sondern auch nicht auf Landhockey verzichten werde“, erzählt sein Vater und ergänzt: „Dann hat Milo auch gleich noch nachgeschoben, dass er froh sei, nicht den linken Arm verloren zu haben, schliesslich sei dieser für das Hockeyspiel wichtiger“. Diese Aussage charakterisiert vortrefflich die mentale Stärke dieses Jungen. Er verzichtete auch auf die nach dem fünfwöchigen Spitalaufenthalt von den Ärzten dringend empfohlene Reha, wollte so schnell wie möglich zurück ins normale Leben, verliess nach nur zwei Tagen die Rehaklinik und kehrte in die elterliche Wohnung zurück. Eine Woche später, nach den Weihnachtsferien nahm er wieder am Schulunterricht teil. „Versuche unsererseits, ihn anzuhalten, sich länger zu erholen, blieben erfolglos“, sagt der Vater und weiter: „Aus heutiger Sicht wissen wir, dass Milo richtig gehandelt hat.“

Rückblende

Milo besuchte im Rahmen eines Geburtstagfests in Begleitung eines Erwachsenen das Winterthurer Technorama. Die Gruppe begab sich danach zur Rückfahrt nach Zürich zum Bahnhof Oberwinterthur. Die Wartezeit haben die Gleichaltrigen mit Spielen überbrückt. „Bei Einfahrt des Zuges wurde ich von der Lok erfasst, mehr weiss ich nicht mehr“, erzählt der dreizehnjährige Milo ruhig und sachlich. Im Winterthurer Landbote stand zu lesen: „Knabe beim Spielen von Zug erfasst. Dabei wurde der Knabe schwer verletzt. Nach der Erstversorgung wurde der Verletzte mit einem Rettungshelikopter der Rega ins Spital geflogen. Für Rettungs- und Bergungsarbeiten musste der Abschnitt gesperrt werden. Nebst der Kantonspolizei Zürich und der zuständigen Staatsanwältin standen die Stadtpolizei Winterthur, Spezialisten des Forensischen Instituts Zürich, die Berufsfeuerwehr Winterthur, Rettungssanitäter des Kantonsspitals Winterthur, die Rega sowie Spezialisten der SBB und ein Notfallseelsorger im Einsatz(...).“

Es läuft einem kalt den Rücken herunter, wenn Milo die Unfallfolgen aufzählt: „Ich trug zwei Schädel- und 14 Knochenbrüche davon – und verlor meinen rechten Arm.“ Er war zunächst in der Kinderklinik, wurde dann in die Universitätsklinik geflogen, wo man versuchte, den Arm zu retten, was allerdings nicht gelang, weil auch das Schulterblatt zertrümmert war. Während Tagen lag Milo im Koma, für die Eltern eine harte Zeit der Ungewissheit. Sie konnten dann aber, nachdem er wieder ansprechbar war und seine klaren Vorstellungen der Zukunft kundtat, etwas aufatmen.

Die informierte Schule unternahm ihrerseits Vorkehrungen, um Milo den Wiedereinstieg zu erleichtern. So stellte sie ihm einen Betreuer zur Seite, der ihn während der Umschulungszeit vom Rechts- auf Linkshänder unterstützte und in der ersten Zeit die Aufgaben-Lösungen aufgrund der mündlichen Angaben von Milo zu Papier brachte. „Er hatte gewissermassen einen Sekretär“, witzelt der Vater. Und auch von GC Landhockey erfuhr Milo beste Unterstützung. Dass die Türe für eine Rückkehr für Milo offen war, sofern er das wünsche, brachten ihm Funktionäre und Kollegen auch durch persönliche Besuche zum Ausdruck. Juniorenleiter Martin Graf: „Ermuntern dazu war nicht nötig, das stand für Milo unverrückbar fest. Schon bei meinem ersten Besuch in der elterlichen Wohnung traf ich den aufgeweckten Jungen, den ich von vor dem Unfall kannte.“

Keine grosse Beeinträchtigung

„Dass ich nur noch den linken Arm habe, ist für mich im Hockey keine grosse Beeinträchtigung“, schildert Milo, „man spielt ja ohnehin mit links“. Das bestätigt auch Martin Graf: „Der rechte Arm wird beim Hockey nur zur Unterstützung gebraucht. Milo erfüllt also noch immer die Voraussetzungen für das Hockeyspiel. Er kann zwar die Einschränkung nicht zu hundert Prozent kompensieren, aber wie bei allen Handicaps gilt auch hier, dass diese durch geeignete Techniken und Methoden grösstenteils kompensiert werden können. Auch wenn er zum Beispiel im Eins-zu-eins“ gewisse Defizite hat, ist er auf der linken Seite im Vorteil, wenn er Platz und Raum hat. Er wird vermehrt sein Spiel auf seine Stärken ausrichten und seine Schwächen mehr als kompensieren. Wenn seine Teamkollegen und der Coach dies verstehen und ihn entsprechend ins Spiel integrieren, wird er eine wichtige Rolle spielen können.“

Milo ist es gelungen, sich sehr schnell auf die Zukunft einzustellen. Man sieht eigentlich erst beim zweiten Hinsehen, dass bei ihm körperlich etwas anders ist. Martin Graf: „Er zeigt, dass wirklich zählt was er mit seiner Einschränkung noch machen kann und nicht was er nicht kann. Nicht die Vergangenheit zählt, sondern was man im Hier und Jetzt macht und wie man die Zukunft gestaltet. Milo verfügt in seinen jungen Jahren schon über diese Fähigkeiten und ist eine Inspiration für alle. Für Milo sind Hürden Ansporn, sie zu überwinden.“

Dass Milo Heuberger wieder voll dabei ist, zeigt auch die Tatsache, dass er kürzlich in die U15 Elite-Mannschaft aufgenommen wurde. Das Ergebnis eines unbändigen Willens eines Dreizehnjährigen, der neben dem Landhockey gerne liest, auch am Gamen ist, Ski fährt und sich mit Freunden trifft.

Eugen Desiderato